Über Bedeutsamkeit in der Ess- und Gastkultur
Eine Speisekarte kann voller Bedeutung sein. Sie nennt den Hof, von dem das Gemüse stammt, die Rebsorte, die Reifezeit des Käses, die Geschichte der Familie, die das Restaurant führt. Alles daran ist richtig, vieles interessant, und doch kann ein Abend vergehen, ohne dass etwas davon berührt. Umgekehrt gibt es Gerichte, über die niemand etwas weiß und die Menschen dennoch ein Leben lang begleiten. Zwischen beidem liegt ein Unterschied, der für meine Arbeit zentral ist: der Unterschied zwischen Bedeutung und Bedeutsamkeit.
Bedeutung ist das, was etwas besagt. Sie entsteht in Praktiken und Beziehungen, wird gedeutet, geteilt und weitergegeben; Brot brechen heißt teilen. Davon zu unterscheiden ist der kulturelle Wert, die Wertschätzung, die einer Sache zugeschrieben wird, etwa einem gerühmten Hof oder einer seltenen Rebsorte. Bedeutsamkeit ist etwas anderes. Sie meint, dass etwas für jemanden Gewicht bekommt, dass es ihn angeht und in seinem Leben einen Ort findet. Bedeutsamkeit entsteht nicht dadurch, dass man mehr Bedeutung oder mehr Wert hinzufügt. Man kann einem Gericht noch so viele Informationen mitgeben, bedeutsam wird es dadurch nicht.
Hans Blumenberg hat diesen Unterschied in „Arbeit am Mythos“ genau beschrieben. Er fragt dort, warum manche Geschichten über Jahrhunderte weitergetragen werden, obwohl sie nichts erklären und weder wahr noch falsch sein müssen. Seine Antwort ist, dass sie bedeutsam sind. Bedeutsamkeit ist für ihn das Gegenteil von Gleichgültigkeit. Sie lässt sich nicht begründen, nur aufweisen, und sie liegt nicht im Gegenstand, sondern im Verhältnis zwischen ihm und dem Menschen, der ihm begegnet. Den Hintergrund bildet Blumenbergs Gedanke, dass Menschen einer übermächtigen und gleichgültigen Wirklichkeit gegenüberstehen und sie bewohnbar machen, indem sie ihr Bedeutsamkeit abgewinnen, durch Namen, Geschichten und Rituale.
Blumenberg beschreibt einige Weisen, in denen Bedeutsamkeit entsteht. Wenn zwei Ereignisse auf denselben Tag fallen, bekommt dieser Tag Gewicht. Wenn sich in etwas Neuem etwas Vertrautes wiedererkennen lässt, entsteht eine Verbindung, die über den Augenblick hinausreicht. Wenn etwas wiederkehrt und sich an seinen Anfang anschließt, gewinnt es eine Form. Und Mythen bleiben nur lebendig, weil sie immer wieder neu erzählt und dabei verändert werden. Bedeutsamkeit wird nicht bewahrt, sie wird weitergetragen.
Martin Heidegger verwendet denselben Begriff in „Sein und Zeit“ in einem anderen, aber verwandten Sinn. Für ihn haben die Dinge des Alltags ihren Sinn nicht für sich, sondern in einem Geflecht von Verweisungen. Ein Messer verweist auf das Brot, das Brot auf den Tisch, der Tisch auf die Mahlzeit und die Menschen, die sie miteinander teilen. Diesen Zusammenhang nennt Heidegger Bedeutsamkeit. Er bleibt meist unbemerkt, solange alles stimmt. Erst wenn etwas fehlt oder nicht funktioniert, tritt er hervor, und plötzlich wird sichtbar, was vorher selbstverständlich getragen hat. Das ist genau die Bewegung, die ich im Beitrag über die Black Boxes am Tisch beschrieben habe: Gelungene Gastlichkeit lässt ihre Beziehungen im Hintergrund wirken.
Zusammen ergeben beide Perspektiven ein genaueres Bild. Bei Heidegger ist Bedeutsamkeit in der Praxis verankert, im Umgang mit Dingen und Orten, der unbemerkt trägt. Bei Blumenberg entsteht sie in der gelebten Geschichte eines Menschen, in Erinnerung, Wiederkehr und Erzählung. Bedeutsamkeit bewegt sich zwischen diesen beiden Polen, zwischen dem, was im Hintergrund wirkt, und dem, was in uns nachwirkt.
Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Ein Fisch, gegessen im Urlaub an der Flensburger Förde, mag kulinarisch einfach sein. Für mich trägt er die Ruhe jener Tage in sich, die Spaziergänge am Meer mit unserer Border-Collie-Dame Mila, lange Gespräche und das gemeinsame Kochen am Abend. Seine Bedeutsamkeit liegt weder im Fisch noch im Rezept, sondern darin, dass sich in ihm etwas wiedererkennen lässt, das zu meinem Leben gehört.
Für meine Arbeit ist diese Unterscheidung so wichtig, weil sie erklärt, warum viele kulinarische Konzepte austauschbar bleiben, obwohl sie eine klare Haltung haben. Sie sprechen von Regionalität, Nachhaltigkeit oder Gemeinschaft und fügen ihren Orten Bedeutung hinzu, auf der Karte, an der Wand, in der Kommunikation. Doch Bedeutung, die nur mitgeteilt wird, bleibt den Gästen äußerlich. Gleichgültigkeit ist deshalb nicht der Mangel an Information, sondern der Mangel an Beziehung.
Bedeutsamkeit lässt sich nicht herstellen. Man kann nicht festlegen, was Menschen etwas bedeutet, so wenig wie man Resonanz erzeugen kann. Aber man kann die Bedingungen gestalten, unter denen sie möglich wird. Ein Ritual, das sich wiederholt und mit den Jahreszeiten wandelt. Ein Moment, den Menschen wirklich gemeinsam erleben. Ein Geschmack, in dem sich die Herkunft eines Lebensmittels wiedererkennen lässt. Eine Geste, die beiläufig geschieht und doch zeigt, wie ein Haus seine Gäste versteht. Das sind keine Techniken, sondern Situationen, in denen Beziehungen erfahrbar werden können.
Darin liegt auch der Unterschied zwischen Storytelling und dem, was ich Doing Narrative nenne. Storytelling vermittelt Bedeutung, eine Geschichte, die vorher feststeht. Bedeutsamkeit entsteht erst, wenn Menschen selbst in eine Beziehung treten und das Erlebte zu ihrer eigenen Geschichte machen. Was sie danach erzählen, ist keine übernommene Botschaft, sondern ein Teil ihres Lebens geworden.
Am Ende misst sich die Qualität eines Ortes deshalb nicht daran, wie viel er über sich zu sagen hat. Sie zeigt sich darin, ob er Menschen etwas bedeutet, so sehr, dass sie ihn vermissen würden, wenn es ihn nicht mehr gäbe.
