Über Resonanz, Atmosphäre, Bedeutung und die Gestaltung kulinarischer Erfahrungen
Wenn mich Menschen fragen, was ich als Experience Designer eigentlich mache, fällt es mir oft schwer, mit einer kurzen Antwort zu reagieren.
Denn meine Arbeit beginnt selten bei Produkten, Dienstleistungen oder Räumen. Sie beginnt bei einer grundsätzlicheren Frage: Wie entstehen Erfahrungen, die Menschen berühren, bewegen und in Erinnerung bleiben?
Diese Frage begleitet mich seit vielen Jahren. Sie hat mich durch Restaurants, Werkstätten, Ausstellungen, Konferenzen und unterschiedlichste Projekte geführt. Dabei habe ich immer wieder festgestellt, dass Erfahrungen nicht zufällig entstehen. Sie wachsen aus einem Zusammenspiel von Menschen, Handlungen, Räumen, Materialien, Geschichten und Bedeutungen.
Die Denkmodelle, die meine Arbeit prägen, helfen mir dabei, diese Zusammenhänge besser zu verstehen und neue Perspektiven auf Esskultur zu entwickeln.
Erfahrungen entstehen im Tun
Oft wird über Erlebnisse gesprochen, als könnten sie gestaltet und anschließend von Menschen konsumiert werden. Doch meine Erfahrung zeigt etwas anderes.
Bedeutungsvolle Erfahrungen entstehen nicht einfach durch Angebote oder Inszenierungen. Sie entstehen im Tun. Im gemeinsamen Vollzug kultureller Praktiken, in Gewohnheiten, Ritualen, sozialen Beziehungen, Materialien, Räumen und Handlungen. Sie entstehen dort, wo Menschen aktiv beteiligt sind.
Ein Restaurantbesuch beginnt nicht erst mit dem ersten Gang. Er beginnt mit Erwartungen, Erinnerungen, Empfehlungen oder einer Reservierung. Ebenso endet er nicht mit der Rechnung, sondern lebt in Gesprächen, Bildern und Geschichten weiter.
Wer Erfahrungen gestalten möchte, muss deshalb verstehen, was Menschen tun, wie sich ihr Handeln entfaltet und welche Bedeutungen dabei entstehen.
Resonanz statt Aufmerksamkeit
In vielen Branchen wird um Aufmerksamkeit gekämpft. Sichtbarkeit gilt als Erfolgsfaktor. Doch Aufmerksamkeit allein reicht nicht aus.
Mich interessiert vielmehr die Frage, wann Menschen eine Verbindung zu etwas aufbauen. Zu einem Ort. Zu einer Mahlzeit. Zu anderen Menschen. Zu einer Idee.
Solche Momente beschreibe ich als Resonanz.
Resonanz entsteht, wenn etwas in uns antwortet. Wenn wir uns angesprochen fühlen und eine Beziehung entsteht. Sie lässt sich nicht erzwingen und auch nicht planen. Aber wir können Bedingungen schaffen, die sie wahrscheinlicher machen.
Deshalb frage ich in Projekten selten, wie etwas spektakulärer oder auffälliger werden kann. Mich interessiert vielmehr, wie Erfahrungen gestaltet werden können, die Menschen wirklich erreichen.
Die Bedeutung von Atmosphäre
Wer sich an besondere Orte erinnert, erinnert sich oft nicht zuerst an einzelne Details.
Es ist vielmehr ein Gefühl, das bleibt. Das Licht eines Raumes. Die Geräuschkulisse eines Restaurants. Der Duft von frisch gebackenem Brot. Die Stimmung eines Sommerabends.
Atmosphären wirken häufig stärker als die Dinge selbst. Sie prägen unsere Wahrnehmung und beeinflussen, wie wir einen Ort oder eine Situation erleben.
Deshalb beschäftige ich mich in meiner Arbeit intensiv mit den sinnlichen Qualitäten von Räumen und Situationen. Licht, Materialität, Klang, Temperatur, Gerüche und räumliche Anordnungen sind keine Nebensächlichkeiten. Sie bilden den Resonanzraum, in dem Erfahrungen stattfinden.
Die Kraft des Unsichtbaren
Viele der Dinge, die eine Erfahrung wertvoll machen, bleiben zunächst verborgen.
Hinter einem Brot stehen Böden, Saatgut, handwerkliches Wissen und kulturelle Traditionen. Hinter einem Gericht verbergen sich Geschichten von Produzentinnen und Produzenten, Landschaften, Erinnerungen und Beziehungen.
Mich interessiert deshalb nicht nur das Sichtbare, sondern auch das Unsichtbare.
Nicht alles muss erklärt werden. Nicht jede Geschichte muss vollständig erzählt werden. Oft entsteht Neugier gerade dort, wo Menschen spüren, dass hinter dem Sichtbaren noch weitere Ebenen liegen.
Ebenso wichtig ist für mich die Idee der Offenheit. Nicht jede Erfahrung braucht eine eindeutige Botschaft. Manche Erfahrungen gewinnen gerade dadurch an Kraft, dass sie Raum für eigene Gedanken, Erinnerungen und Interpretationen lassen.
Gestaltung bedeutet dann nicht, alles festzulegen, sondern Möglichkeiten zu eröffnen.
Erfahrungen als Geflecht
Wenn ich Restaurants, Cafés, Märkte oder andere kulinarische Orte analysiere, denke ich selten in einzelnen Berührungspunkten oder linearen Abläufen.
Mich interessieren die Beziehungen zwischen den Dingen.
Menschen, Räume, Materialien, Geschichten, Speisen, Klänge und Erinnerungen bilden ein lebendiges Geflecht. Erfahrungen entstehen nicht an einem einzelnen Punkt, sondern aus ihrem Zusammenspiel.
Ein Teller beeinflusst die Wahrnehmung eines Raumes. Eine Geschichte verändert den Geschmack eines Gerichts. Ein Gespräch verändert die Bedeutung eines Moments.
Wer Erfahrungen verstehen möchte, muss deshalb die Verbindungen betrachten und nicht nur die einzelnen Bestandteile.
Dramaturgie als Entdeckung
Auch beim Storytelling verfolge ich einen besonderen Ansatz.
Viele narrative Modelle basieren auf Konflikten, Problemen und deren Auflösung. Für die Gestaltung kulinarischer Erfahrungen erscheint mir jedoch eine Dramaturgie spannender, die stärker auf Entdeckung, Perspektivwechsel und überraschende Wendungen setzt.
Dabei entfaltet sich eine Geschichte Schritt für Schritt. Neue Blickwinkel entstehen. Zusammenhänge werden sichtbar. Und oft erschließt sich die eigentliche Bedeutung erst am Ende.
Diese Form der Dramaturgie ermöglicht Erfahrungen, die nicht belehren, sondern neugierig machen und zum Erkunden einladen.
Wie ich arbeite
Meine Arbeit beginnt selten mit der Suche nach einer Lösung.
Sie beginnt mit Beobachtung, Zuhören und Verstehen.
Ich analysiere bestehende kulturelle Praktiken, erkunde Atmosphären, identifiziere Werte und Bedeutungen und untersuche, welche Geschichten bereits vorhanden sind. Aus diesen Erkenntnissen entwickle ich strategische und narrative Leitideen.
Diese Leitideen bilden die Grundlage für neue Konzepte, Räume, Angebote, Formate und kulinarische Erfahrungen. Sie schaffen Orientierung und helfen dabei, Entscheidungen über Gestaltung, Kommunikation und Inszenierung auf ein gemeinsames Ziel auszurichten.
Neben Beratung, Konzeption und Gestaltung biete ich auch Experience Design Denkateliers an.
Im Experience Design Denkatelier – einem Raum für gemeinsames Denken, Erkunden und Entwerfen – entstehen neue Perspektiven auf Esskultur, aus denen strategische und narrative Leitideen sowie kulinarische Erfahrungsräume hervorgehen.
Hier treffen Analyse und Imagination aufeinander. Gemeinsam erkunden wir kulturelle Praktiken, entwickeln Zukunftsbilder, hinterfragen Gewohntes und entwerfen neue Möglichkeiten des Essens, Gastgebens und Zusammenkommens.
Denn die Zukunft der Esskultur entsteht nicht allein durch neue Produkte, Technologien oder Konzepte.
Sie entsteht durch neue Bedeutungen, neue Beziehungen und neue Geschichten des Essens.
Genau dort beginnt meine Arbeit.
