Am Tisch beginnt alles

Es beginnt nicht mit einem Konzept.

Es beginnt mit einem Tisch.

Mit Händen, die Besteck greifen, lange bevor sie Worte für Ästhetik, Gestaltung oder Gastlichkeit kennen. Mit Gerüchen, die sich unbemerkt ins Gedächtnis einschreiben. Mit Gesprächen, die zwischen Tellern entstehen und weit über den Moment hinaus nachhallen.

Meine Verbindung zur Kulinarik war nie eine bewusste Entscheidung. Sie ist gewachsen. Über Generationen hinweg, durch Orte, Menschen und gelebte Praxis.

In Solingen führten meine Urgroßeltern ein Restaurant im Stadtteil Hästen. Ein Ort, an dem Gastlichkeit nicht inszeniert wurde, sondern Teil des Alltags war. Wo Essen mehr bedeutete als Versorgung. Es war Anlass für Begegnung, für Gemeinschaft, für Geschichten. Der Tisch wurde zum Mittelpunkt eines gemeinsamen Lebens.

Später setzte sich diese Linie an einem anderen Ort fort. Mein Großonkel und seine Frau führten ein Feinkostgeschäft in Brügge. Ein anderer kultureller Kontext, eine andere Sprache, andere Produkte – und doch dieselbe Haltung. Die Aufmerksamkeit für Qualität. Die Sorgfalt im Umgang mit Lebensmitteln. Das Gespür dafür, dass das Besondere oft im scheinbar Gewöhnlichen liegt.

Schließlich führte dieser Weg nach Dortmund. Meine Großeltern und später meine Eltern betrieben ein Geschäft für Solinger Tafelware. Dort standen nicht die Speisen im Mittelpunkt, sondern das, was sie begleitet. Besteck, das weit mehr ist als ein Gebrauchsgegenstand. Es ist die Verlängerung der Hand. Ein Medium zwischen Mensch und Mahlzeit. Zwischen Gestaltung und Gebrauch. Zwischen Kultur und Alltag.

Ich bin nicht über das Kochen oder die Gastronomie in diese Welt eingetreten. Ich bin in ihr aufgewachsen – allerdings aus einer Perspektive, die oft übersehen wird. Mich faszinierte nicht nur das Essen selbst, sondern das gesamte Geflecht, das es umgibt: die Räume, die Rituale, die Materialien, die Geschichten und die Beziehungen, die rund um einen Tisch entstehen.

Heute arbeite ich als Experience Designer.

Was mich dabei interessiert, sind nicht Produkte im klassischen Sinn. Mich interessieren Erfahrungen. Situationen, in denen Bedeutung entsteht. Atmosphären, die Menschen berühren. Narrative Räume, in denen Kulinarik als kulturelle Praxis erfahrbar wird.

Wenn ich mit Restaurants, Produzent:innen oder kulturellen Institutionen arbeite, geht es deshalb selten allein um Geschmack. Es geht um die Fragen dahinter.

Wie fühlt sich ein Ort an, bevor der erste Teller serviert wird?

Welche Geschichten tragen Zutaten, Produkte und Handwerke in sich?

Welche Werte werden sichtbar, ohne ausgesprochen zu werden?

Wie entsteht Resonanz zwischen Menschen, Dingen und ihrem Umfeld?

Ich denke Kulinarik nicht vom Gericht her, sondern vom Erleben. Denn Essen ist für mich nie nur das, was auf dem Teller liegt. Es ist ein Zusammenspiel aus Atmosphäre, Materialität, Erinnerung, Begegnung und Bedeutung.

Und genau deshalb beginnt jede meiner gestalterischen Überlegungen immer noch dort, wo auch meine eigene Geschichte ihren Anfang genommen hat:

am Tisch.