Über den Einfluss von Kenya Hara auf meine Arbeit
Es gibt Denkerinnen und Denker, deren Einfluss sich nicht in Werkzeugen oder Modellen ausdrückt. Ihr Denken verändert vielmehr die Art, wie man die Welt betrachtet. Für mich gehört der japanische Designer Kenya Hara zu diesen Menschen.
Seine Bücher White und Ex-Formation begleiten mich seit vielen Jahren. Nicht als Handbücher für Gestaltung, sondern als Einladungen, Wahrnehmung neu zu lernen. Während viele Designansätze darauf abzielen, Informationen hinzuzufügen, Produkte zu erklären oder Erlebnisse immer weiter anzureichern, richtet Hara den Blick auf eine andere Frage: Was geschieht, wenn wir Raum für das Unbekannte schaffen?
Diese Frage prägt meine Arbeit als Experience Designer bis heute.
White – die Kraft der Offenheit
Wenn Hara von Weiß spricht, meint er nicht einfach eine Farbe. Weiß ist für ihn ein Zustand der Möglichkeit. Es steht für Offenheit, für das Noch-nicht-Bestimmte, für einen Raum, in dem Bedeutung erst entstehen kann. Eine leere Seite, ein unberührter Raum oder ein Moment vor der ersten Handlung sind Ausdruck dieser Haltung.
In einer Welt, die von Aufmerksamkeit, Reizen und permanenten Botschaften geprägt ist, erscheint Weiß beinahe radikal. Es ist keine Leere im Sinne von Abwesenheit, sondern eine Einladung zur Wahrnehmung. Weiß schafft einen Raum, in dem Menschen selbst entdecken, ergänzen und imaginieren können.
Gerade in der Gestaltung von Erfahrungen begegnet mir dieser Gedanke immer wieder. Viele Erlebnisse leiden nicht daran, dass zu wenig vorhanden ist. Sie verlieren an Kraft, weil bereits alles festgelegt wurde. Jede Emotion wird vorgegeben, jede Bedeutung erklärt und jede Geschichte bis ins Detail erzählt. Doch Resonanz entsteht selten dort, wo alles definiert ist. Sie entsteht in den Zwischenräumen, in den offenen Stellen und in dem, was Menschen selbst mitbringen und vervollständigen.
Ex-Formation – die Tiefe des Unsichtbaren
Besonders prägend für mein Denken ist Haras Konzept der Ex-Formation. Während Information Wissen sichtbar macht, beschäftigt sich Ex-Formation mit dem Wissen, das unsichtbar bleibt und dennoch anwesend ist.
Hara beschreibt dies anhand eines einfachen Beispiels. Wenn wir eine Scheibe Brot betrachten, sehen wir das fertige Produkt. Unsichtbar bleiben die Böden, auf denen das Getreide gewachsen ist, die Menschen, die es angebaut und verarbeitet haben, die handwerklichen Fähigkeiten der Bäckerinnen und Bäcker sowie die kulturellen Traditionen, die sich in diesem Brot eingeschrieben haben. All diese Zusammenhänge sind nicht sichtbar, aber sie sind dennoch Teil dessen, was wir wahrnehmen.
Ex-Formation bedeutet deshalb nicht, möglichst viele Informationen bereitzustellen. Vielmehr geht es darum, die Tiefe eines Gegenstandes oder einer Situation spürbar werden zu lassen, ohne sie vollständig offenzulegen. Es geht um das Bewusstsein, dass hinter dem Sichtbaren stets mehr liegt, als wir unmittelbar erkennen können.
Genau darin sehe ich eine zentrale Aufgabe von Experience Design. Es geht nicht in erster Linie darum, Wissen zu vermitteln oder Botschaften zu transportieren. Vielmehr geht es darum, Neugier zu wecken, Aufmerksamkeit zu schärfen und Menschen dazu einzuladen, selbst Verbindungen herzustellen.
Erlebnisse als Einladungen zum Entdecken
Besonders deutlich wird dies für mich in der Esskultur. Ein Teller erzählt nie nur von Zutaten. Ein Restaurant erzählt nie nur von Speisen. Und ein gemeinsames Essen erzählt nie nur von Sättigung. Hinter jeder kulinarischen Erfahrung liegen Landschaften, Erinnerungen, kulturelle Praktiken, Beziehungen und Zukunftsvorstellungen.
Die gestalterische Herausforderung besteht für mich nicht darin, all diese Ebenen sichtbar zu machen. Im Gegenteil: Würde man alles erklären, ginge ein wesentlicher Teil der Erfahrung verloren. Spannend wird es dort, wo Menschen beginnen, selbst Fragen zu stellen. Woher kommt das Produkt? Warum schmeckt etwas genau so? Welche Geschichte steckt dahinter? Welche Werte werden hier gelebt?
In solchen Momenten wird ein Essen zu mehr als einer Mahlzeit. Es wird zu einer Begegnung mit etwas, das über das unmittelbar Wahrnehmbare hinausweist.
Gestaltung als Öffnung
Die wichtigste Erkenntnis, die ich von Kenya Hara gelernt habe: Gestaltung bedeutet nicht zwangsläufig, etwas hinzuzufügen. Manchmal besteht ihre größte Stärke darin, Raum zu schaffen.
Raum für Aufmerksamkeit. Raum für Imagination. Raum für eigene Bedeutungen. Und Raum für Resonanz.
Gerade in einer Zeit, in der wir von Informationen umgeben sind, erscheint mir dieser Gedanke besonders wertvoll. Nicht alles muss sichtbar sein. Nicht alles muss erklärt werden. Manche Dinge entfalten ihre Wirkung gerade dadurch, dass sie unvollständig bleiben.
Denn oft sind es nicht die Antworten, die uns berühren. Es sind die Fragen, die wir mit nach Hause nehmen.
