Kishōtenketsu als narrative Strategie im Experience Design
Ein Café kann eine überzeugende Geschichte über Gemeinschaft erzählen und trotzdem ein Ort bleiben, an dem Menschen einzeln bestellen, einzeln essen und wieder gehen.
Auf der Website erscheinen die Menschen hinter den Produkten, auf der Speisekarte stehen Herkunft und Handwerk, Bilder zeigen lange Tafeln und geteilte Mahlzeiten. Die Erzählung ist vorhanden. Ob Gemeinschaft für die Gäste tatsächlich Bedeutung bekommt, entscheidet sich jedoch in anderen Situationen: daran, wie sie sitzen, wie Speisen auf den Tisch kommen, was zwischen ihnen geschieht und welche Rolle Teilen, Warten oder Weiterreichen beim Essen einnehmen.
An dieser Differenz zwischen erzählter und erfahrener Bedeutung beginnt für mich narrative Dramaturgie.
Klassisches Storytelling fragt häufig danach, welche Geschichte ein Unternehmen erzählen möchte. Herkunft, Haltung, Produkte und Zukunftsvorstellungen verdichten sich zu einem Narrativ, das durch Sprache, Bilder, Raum und Kommunikation Ausdruck erhält. Gestaltung macht eine bereits formulierte Bedeutung wahrnehmbar.
Mich interessiert eine andere Richtung: Unter welchen Bedingungen kann eine solche Bedeutung im Erleben überhaupt entstehen?
Ein Raum illustriert dann nicht lediglich eine Geschichte. Ein Produkt steht nicht stellvertretend für eine Botschaft. Eine Handlung vermittelt nicht nur eine vorher festgelegte Aussage. Menschen, Räume, Materialien, Lebensmittel, Gesten und zeitliche Übergänge treten miteinander in Beziehung und verändern die Situation, in der Wahrnehmung und Bedeutung entstehen.
Narrative Dramaturgie schreibt deshalb nicht vor, welche Geschichte ein Gast erleben soll. Sie komponiert Situationen, in denen Beziehungen sichtbar, spürbar und veränderbar werden.
Ein Café für Brot
Nehmen wir ein Café, dessen Mittelpunkt Brot und Butter bilden.
Ein klassischer konzeptioneller Zugang könnte zunächst nach Positionierung und Erzählung fragen. Woher stammt das Brot? Welche Menschen und welches Handwerk stehen dahinter? Welche Vorstellungen verbinden sich mit Regionalität, Gemeinschaft und einer zeitgemäßen Brotzeit? Welche Sprache und welche Bilder machen diese Haltung erkennbar?
Daraus kann eine schlüssige Geschichte entstehen: Brot verbindet Menschen. Gemeinsam zu essen bedeutet, Zeit miteinander zu teilen. Das Café wird zum Ort einer zeitgemäßen Brotzeit.
Diese Geschichte schafft Orientierung und kann Zusammenhänge sichtbar machen. Ihre Bedeutung ist damit jedoch noch nicht Teil der Erfahrung geworden. Ein Gast erfährt Gemeinschaft nicht allein, weil das Wort auf einer Wand steht. Er erfährt Handwerk nicht allein durch die Information, dass ein Sauerteig 48 Stunden geführt wurde. Zwischen dem Wissen um eine Bedeutung und ihrer Erfahrung liegt das tatsächliche Geschehen eines Ortes.
Für meine Arbeit kommt die Brotzeit deshalb zunächst als kulturelle Praxis in den Blick. Ein Laib wird angeschnitten. Jemand hält das Brot, während ein anderer schneidet. Butter wird weitergereicht. Krümel bleiben auf dem Brett. Menschen warten aufeinander oder beginnen bereits. Ein Messer wandert über den Tisch. Man greift noch einmal zu. Das Brot verbindet Körper, Dinge, Handlungen und Menschen für eine bestimmte Zeit miteinander.
Seine kulturelle Bedeutung liegt nicht allein im Lebensmittel. Sie entsteht im Schneiden, Streichen, Reichen, Teilen, Warten, Erinnern und Wiederholen.
Aus dieser Beobachtung könnte eine strategische Leitidee hervorgehen: Das Café möchte Brotzeit wieder als gemeinsame Praxis erfahrbar machen. Die Leitidee erzählt noch keine Geschichte. Sie beschreibt, welche kulturelle Bedeutung ein Ort ermöglichen und welche Beziehungen er stärken möchte.
Nun beginnt die narrative Dramaturgie. Für ihre zeitliche Bewegung nutze ich Kishōtenketsu.
Kishōtenketsu beschreibt eine Dramaturgie aus Ki (起) – Einführung, Shō (承) – Vertiefung, Ten (転) – Wendung und Ketsu (結) – Verbindung. Anders als konfliktbasierte westliche Erzählmodelle benötigt diese Struktur keinen Gegensatz, der auf einen Höhepunkt zuläuft. Ihre Spannung entsteht, indem etwas zunächst wahrnehmbar wird, sich vertieft, durch etwas scheinbar Fremdes verschiebt und schließlich in einer neuen Beziehung erscheint.
Für das Café bedeutet das nicht, eine Geschichte in vier Szenen zu zerlegen. Kishōtenketsu beschreibt vielmehr, wie sich die Beziehungen zwischen Gast, Brot, Herstellung, Raum und anderen Menschen während des Aufenthalts verändern können.
Ki (起) – Einführung: Der Gast betritt das Café und erkennt eine vertraute gastronomische Ordnung: Theke, Tische, Brot, Bestellung und Service. Die Küche produziert, der Service vermittelt, der Gast bestellt. Das Brot erscheint zunächst als Produkt, der Tisch gehört einer Person oder einer Gruppe. Diese selbstverständliche Lesbarkeit bildet den Ausgangspunkt. Erst weil eine Ordnung vorhanden ist, kann ihre spätere Veränderung wahrgenommen werden.
Shō (承) – Vertiefung: Das Brot rückt näher an die eigene Handlung. Es kommt nicht vollständig zubereitet auf den Tisch, sondern als Stück oder kleiner Laib. Der Gast schneidet selbst. Butter steht in einer Schale. Das Messer besitzt Gewicht, die Kruste bricht hörbar, Krümel bleiben auf dem Brett. Vielleicht bleibt die Herstellung aus dem Gastraum sichtbar oder der Geruch frisch gebackenen Brotes zieht aus der Backstube herüber. Es muss wenig geschehen, damit sich die Wahrnehmung verändert. Aus einem Brot, das bestellt und serviert wird, entsteht etwas, mit dem der Gast selbst umgeht. Shō führt die Situation nicht auf einen Höhepunkt zu. Es lässt genauer wahrnehmen, was bereits vorhanden ist.
Ten (転) – Wendung: Zu dieser individuellen Beziehung zum Brot tritt etwas, das zunächst außerhalb ihres Zusammenhangs zu liegen scheint. Zu einer bestimmten Zeit kommt ein großer, noch unangeschnittener Laib aus der Backstube. Er wird nicht als Bestellung an einen einzelnen Tisch gebracht, sondern auf einen langen Tisch gelegt. Vielleicht setzt sich die Bäckerin für einen Moment dazu. Niemand bekommt eine fertige Portion. Das Brot muss angeschnitten, gehalten und weitergereicht werden. Neben das Brot als individuelles Produkt tritt Brot als soziales Geschehen. Die Verbindung zwischen beiden bleibt zunächst offen.
Ketsu (結) – Verbindung: Das Schneiden des eigenen Brotes und das gemeinsame Anschneiden des großen Laibs können nun als unterschiedliche Ausprägungen derselben kulturellen Praxis lesbar werden. Herstellung, Essen und Teilen treten miteinander in Beziehung. Was zunächst als individuelles Produkt erschien, kann zugleich als Lebensmittel erfahren werden, das über Herstellen, Anschneiden, Reichen und Teilen Menschen miteinander verbindet. Die zuvor getrennten Beobachtungen verändern ihre Bedeutung gegenseitig.
Ketsu erklärt diese Verbindung nicht. Niemand muss den Gästen sagen, dass Brot Gemeinschaft erzeugt. Die Beziehung liegt als Möglichkeit in der Situation.
Hier zeigt sich zugleich die Grenze der Gestaltung. Gestalten kann ich den Laib zwischen zwei Menschen. Ich kann seine Größe, den Tisch, die Entfernung zwischen den Sitzenden, den Zeitpunkt und die Servierweise beeinflussen. Ich kann nicht gestalten, was diese Situation für einen Menschen bedeutet.
Vielleicht beginnt ein Gespräch. Vielleicht wird das Brot schweigend weitergereicht. Vielleicht erinnert die Situation an das Abendbrot der Kindheit. Vielleicht bleibt sie beiläufig.
Kishōtenketsu entwirft deshalb in meiner Arbeit keine Abfolge gewünschter Reaktionen. Es strukturiert die Veränderung der Bedingungen, unter denen Wahrnehmung und Bedeutung entstehen können.
Storyboard oder dramaturgisches Situationsbild?
Der Unterschied zu einem klassischen narrativen Vorgehen wird besonders sichtbar, sobald eine solche Idee gezeichnet wird.
Ein Storyboard könnte denselben Aufenthalt als Folge von Bildern darstellen: Ein Gast kommt an, betrachtet das Angebot, bestellt und bekommt sein Brot. Später teilt er einen Laib mit anderen, ein Gespräch entsteht und er verlässt zufrieden das Café.
Das Storyboard macht einen zeitlichen Verlauf anschaulich. Es enthält jedoch schnell eine Annahme über Wirkung. Sobald das Bild miteinander sprechende Gäste zeigt, ist eine Reaktion dargestellt, die in der Wirklichkeit erst entstehen müsste.
Für meine Arbeit mit Kishōtenketsu interessiert mich deshalb eine andere Darstellung: das dramaturgische Situationsbild.
Es zeigt nicht zuerst, was eine Person nacheinander tut, sondern wie sich Beziehungen verändern.
Ki: Gast – eigener Tisch – Bestellung – Brot als Produkt.
Shō: Gast – Messer – Brot – eigene Handlung – Herstellung.
Ten: individueller Gast – gemeinsamer Laib – andere Menschen – gemeinsamer Tisch.
Ketsu: Gast – Brot – Herstellung – Teilen – andere Menschen – Ort.
Die Zeichnung wird dadurch weniger zu einer Bilderfolge als zu einer Karte sich verändernder Beziehungen. Kishōtenketsu gibt dieser Veränderung ihre dramaturgische Bewegung: Einführung, Vertiefung, Wendung und Verbindung.
Das Storyboard folgt Ereignissen. Das dramaturgische Situationsbild folgt der Veränderung von Beziehungen.
Dasselbe Kishōtenketsu, eine andere narrative Strategie
Auch eine Marketingagentur könnte Kishōtenketsu für dasselbe Café verwenden.
Ein Film beginnt morgens in der Backstube. Hände bearbeiten den Teig. Das Brot kommt aus dem Ofen. Es gelangt ins Café. Am Ende sitzt eine Gruppe von Menschen gemeinsam am Tisch. Herkunft, Handwerk und Gemeinschaft verbinden sich zu einer Erzählung.
Auch hier können Ki, Shō, Ten und Ketsu die Dramaturgie tragen. Kishōtenketsu strukturiert Zeichen, Bilder und Ereignisse innerhalb eines Mediums. Eine intendierte Bedeutung wird erzählerisch erfahrbar gemacht.
In meiner Arbeit richtet sich dieselbe narrative Strategie auf die reale Situation. Nicht das Bild des gemeinsamen Brotes bildet den Mittelpunkt, sondern die Möglichkeit, selbst mit Brot und anderen Menschen in eine andere Beziehung zu treten.
Der Unterschied liegt deshalb nicht in Kishōtenketsu. Er liegt darin, was durch Kishōtenketsu dramaturgisch organisiert wird.
Storytelling komponiert Zeichen, Bilder und Ereignisse zu einer Erzählung, durch die eine intendierte Bedeutung vermittelt werden kann.
Narrative Dramaturgie komponiert Beziehungen zwischen Menschen, Handlungen, Materialien, Räumen, Zeit und Atmosphäre, aus denen Bedeutung im Erleben entstehen kann.
Beides kann sich ergänzen. Die narrative Arbeit setzt jedoch an unterschiedlichen Stellen an. Wenn das Café zuerst eine Geschichte von Gemeinschaft formuliert und anschließend versucht, sie in Raum, Service und Kommunikation auszudrücken, geht die formulierte Bedeutung der Erfahrung voraus. Wenn zuerst Situationen entstehen, in denen Teilen tatsächlich Teil des Aufenthalts werden kann, bleibt offen, welche Bedeutung Menschen daraus entwickeln.
Wenn aus Erfahrungen Geschichten entstehen
Mit der Eröffnung des Cafés endet die narrative Arbeit deshalb nicht. Nun zeigt sich, was die entworfene Dramaturgie im tatsächlichen Gebrauch hervorbringt.
Welche Situationen erinnern Gäste? Welche Gesten übernehmen sie? Wo entstehen eigene Rituale? Welche Elemente bleiben unbeachtet? Wie verändern Mitarbeitende die entworfenen Situationen im täglichen Handeln? Und was erzählen Menschen anderen über diesen Ort?
Vielleicht sprechen Gäste von einem Café, in dem man „wieder richtig Brot isst“. Andere erinnern sich an den großen Laib auf dem Tisch. Jemand erzählt vom Abendbrot bei den Großeltern. Mitarbeitende entwickeln eine eigene Geste für das Anschneiden. Stammgäste beginnen, Brot selbstverständlich weiterzureichen.
Einzelne Erfahrungen beginnen sich zu ähneln. Bestimmte Bilder, Gesten und Erzählungen kehren wieder. Was zunächst eine individuelle Wahrnehmung war, kann sozial anschlussfähig werden und sich mit anderen Erfahrungen verbinden.
Das Narrativ liegt dann nicht vollständig vor der Erfahrung. Es verdichtet sich auch aus ihr.
Die entworfene Dramaturgie bleibt deshalb eine Hypothese darüber, welche Beziehungen unter bestimmten Bedingungen entstehen können. Menschen betreten einen Ort mit eigenen Erinnerungen, Erwartungen, Stimmungen und Gewohnheiten. Mitarbeitende entwickeln eigene Routinen. Derselbe Tisch erzeugt am Samstagabend eine andere Situation als am Dienstagmorgen.
Erst im tatsächlichen Gebrauch zeigt sich, welche Beziehungen tragen. Aufschlussreich ist nicht allein, ob die entworfenen Situationen stattfinden, sondern was Menschen daraus machen: welche Praktiken sie sich aneignen, welche Beziehungen sie selbst hervorbringen, was sie erinnern und welche Erzählungen weiterwandern.
Eine Bedeutung, die im Entwurf nicht vorgesehen war, widerspricht der Dramaturgie nicht zwangsläufig. Sie zeigt, dass Erfahrung nie vollständig in der Gestaltung enthalten ist.
Ein Bühnenbild kann Bewegungen ermöglichen, Nähe und Distanz verändern, Sichtachsen öffnen und Aufmerksamkeit lenken. Was das Publikum darin wahrnimmt und nach der Vorstellung miteinander bespricht, entsteht erst in der Begegnung mit dem Geschehen.
Orte der Ess- und Gastkultur verhalten sich ähnlich. Ihre kulturelle Bedeutung bildet sich nicht allein in dem, was über sie erzählt wird. Sie entsteht ebenso darin, wie Menschen sich dort begegnen, mit Dingen umgehen, Handlungen wiederholen, Erinnerungen verbinden und Erlebtes weitererzählen.
Eine narrative Strategie beginnt für mich deshalb nicht mit einer fertigen Geschichte.
Sie kann mit einem Stück Brot beginnen, das zwischen zwei Menschen liegt.
