Vom Holzhuhn zum Tisch

Wie Ferdinand Grah zur Ess- und Gastkultur kam. Eine Akte, angelegt vom Hauptverdächtigen selbst.

Beweisstück A

Beweisstück A: Gastkultur, früh verinnerlicht. Lederschürze und Spitzendeckchen stammen vom Gastronomen persönlich. Als Berufsprognose waren sie vermutlich nicht gemeint.

Die Akte beginnt mit einem Foto. Ein kleiner Junge steht vor der Eingangstür eines Gastronomen, mit dem seine Eltern befreundet waren, die Hände halb in Bewegung, als wolle er gleich hineingehen. Der Gastronom hat ihn eigens eingekleidet: eine glänzende Lederschürze mit breitem Gürtel, um den Hals ein Spitzendeckchen, das man sonst unter einem Stück Kuchen vermuten würde. Darunter lugt eine Karohose hervor. Er lacht, als hätte jemand gerade das Dessert angekündigt.

Wer Indizien sucht, wird hier fündig: Der Junge steht bereits an der Schwelle eines Restaurants, ausgestattet wie für den Service, noch bevor er an einem sitzen darf. Natürlich beweist das Foto nichts. Gerade deshalb taugt es als Anfang. Herkunftsgeschichten haben die Neigung, aus dem, was später kam, eine Linie nach hinten zu ziehen, als hätte alles auf diesen Punkt zugesteuert. Ehrlicher ist es, von einer Konstellation zu sprechen: von Orten, Dingen, Menschen und Tätigkeiten, die nebeneinander lagen und erst im Nachhinein zueinander zu sprechen begannen.

Teller, Feinkost, Gäste

In dieser Verbindung hat Ferdinand Grah Ess- und Gastkultur kennengelernt, nicht als Wissensgebiet, sondern als gelebte Praxis, in der sich Gastfreundschaft, Materialität und gemeinsames Handeln nicht voneinander trennen lassen. Das Gewicht eines Bestecks, der Klang eines Tellers, die Sorgfalt beim Einpacken eines Stücks Käse gehören darin ebenso zur Gastlichkeit wie das Willkommen an der Tür.

Praxistheoretisch gesprochen: Was man so lernt, lernt man im Mitvollzug. Es steckt in Körpern, Dingen und Abläufen, lange bevor es sich in Begriffe fassen lässt. Dass Gastlichkeit nicht erst am Tisch beginnt, sondern in den Dingen vorbereitet wird, die ihn tragen, ist eine Einsicht, die seine Arbeit bis heute prägt.

Chicken à la King

Kochen hat er mit seinem Vater gelernt. Eines der Gerichte, die dabei eine Rolle spielten, war Chicken à la King. Das Besondere daran: Es war nie nur Kochen. Alles war mit Geschichten aufgeladen, jedes Gewürz wurde zum Aufbruch in ferne Länder, jedes Gericht zu einem kleinen Abenteuer. Die Geschichte wurde nicht über das Essen erzählt, sie entstand im Kochen selbst. 

Aus dem gemeinsamen Kochen wurde bald ein eigenes: Etwas später kaufte er sich ein Kochbuch von Paul Bocuse und kochte es Gericht für Gericht nach. Seine Mutter musste ihm dafür alles einzeln mitbringen, für jedes Gericht eine eigene Liste, jede Zutat in Gramm angegeben. Man kann darüber schmunzeln. Man kann darin aber auch den frühen Wunsch erkennen, eine Situation bis ins Kleinste vorzubereiten. Dass sich das Entscheidende nicht abwiegen lässt, lernte er später.

Von den Zutaten ist kaum etwas in Erinnerung geblieben, und gerade das ist aufschlussreich. Marcel Proust hat mit seiner Madeleine beschrieben, wie ein Geschmack eine ganze vergangene Welt zurückholen kann. Bei näherem Hinsehen ist es aber selten der Geschmack allein, der zurückkehrt. Es ist eine Situation: neben jemandem am Herd zu stehen, der weiß, wie es geht; die Reihenfolge der Handgriffe; die Geduld, die ein Gericht verlangt. Sinn und Sinnlichkeit fallen in solchen Momenten zusammen, und darin wird etwas bedeutsam.

Der Zen-Lehrer Shunryū Suzuki sprach vom Anfängergeist, einer Offenheit, die noch nicht weiß, was sie zu erwarten hat. Ein Kind in der Küche hat diese Offenheit von selbst. Was der Vater weitergab, war deshalb weniger ein Rezept als ein Anfang: die Erfahrung, dass gemeinsames Tun mit Lebensmitteln eine eigene Form von Nähe stiftet.

Und das Holzhuhn? Darüber soll hier nichts verraten werden. Diese Geschichte erzählt er im Podcast selbst, ab Minute 37.

Bühne, Wendung, Aarhus

Am Tisch, heute

Das ist die genaueste Beschreibung dessen, was er tut. Er schleift Linsen, durch die sich Vertrautes neu sehen lässt: ein Tisch, ein Teller, eine Geste beim Nachschenken. Der Junge mit der Lederschürze und dem Spitzendeckchen konnte davon noch nichts wissen. Aber er stand schon mittendrin.