Wenn wir über Storytelling sprechen, denken viele zunächst an Markenbotschaften, Heldenreisen oder ausgearbeitete Narrative. In meiner Arbeit als Experience Designer interessiert mich jedoch etwas anderes: die Geschichten, die Menschen durch ihr Handeln erzählen. Jedes Restaurant, jede Ausstellung, jede Marke und jeder Ort wird erst durch kulturelle Praktiken lebendig. Menschen betreten einen Raum, bestellen ein Gericht, führen Gespräche, beobachten andere, erinnern sich, vergleichen, bewerten und teilen ihre Erfahrungen. Geschichten entstehen dabei nicht erst im Erzählen. Sie entstehen im Tun.
Deshalb arbeite ich mit Narrativen nicht primär als Kommunikationsinstrument, sondern als Gestaltungsinstrument. Narrative helfen dabei zu verstehen, welche Bedeutungen Menschen einer Erfahrung zuschreiben und welche Beziehungen zwischen Menschen, Dingen, Räumen und Handlungen entstehen. Die zentrale Frage lautet für mich nicht, welche Geschichte erzählt werden soll, sondern welche Geschichte eine Erfahrung bereits erzählt – und welche Geschichten Menschen darin für sich selbst entdecken können.
Besonders spannend wird dies dort, wo Erfahrungen nicht linear verlaufen. Denn die meisten Erfahrungen folgen keiner klassischen Dramaturgie mit Konflikt und Auflösung. Sie entwickeln sich in Bewegungen, Übergängen und Perspektivwechseln. Aus diesem Grund arbeite ich gerne mit der japanischen Erzählstruktur Kishōtenketsu. Sie besteht aus vier Phasen:
Ki – Einführung
Shō – Vertiefung
Ten – Wendung
Ketsu – Verbindung
Der entscheidende Unterschied zu vielen westlichen Erzählmodellen liegt darin, dass die Wendung nicht durch einen Konflikt entsteht, sondern durch eine neue Perspektive. Genau das macht Kishōtenketsu für Experience Design so wertvoll. Menschen werden nicht allein durch Spannung berührt. Sie werden berührt, wenn sich ihr Blick auf etwas verändert. Wenn plötzlich Zusammenhänge sichtbar werden. Wenn ein Detail eine neue Bedeutung erhält. Wenn aus Beobachtung Resonanz entsteht.
So entstehen Erfahrungen, die nachhallen. Nicht, weil sie spektakulär sind, sondern weil sie etwas neu miteinander verbinden. Narrative sind für mich deshalb keine Geschichten, die über Menschen gelegt werden. Sie sind Deutungsräume, in denen Menschen eigene Bedeutungen entwickeln, Verbindungen herstellen und ihre ganz persönliche Geschichte innerhalb einer Erfahrung finden können.
