Bedingungen der Bedeutsamkeit

Erfahrung, Erzählung und Gestaltung in der Ess- und Gastkultur

Auf dem Tisch eines Restaurants, das sich der Region verschrieben hat, liegt Brot. Die Karte nennt die Bäckerei, das Getreide, die Mühle. Der Gast liest die Namen, bricht ein Stück ab und isst es während des Gesprächs. Am nächsten Tag unterscheidet es sich in seiner Erinnerung nicht von dem Brot, das er anderswo gegessen hat. Das Restaurant hat seine Haltung mitgeteilt. Erfahren hat der Gast sie nicht.

Viele kulinarische Konzepte scheitern an dieser Stelle, und selten liegt es an der Küche oder am Willen der Gastgeber. Sie verwechseln, was ein Ort vertritt, mit dem, was Menschen an ihm erfahren. Werte lassen sich benennen, auf eine Website schreiben, in ein Leitbild fassen. Was einem Menschen etwas bedeutet, entzieht sich der Benennung.

Hans Blumenberg hat für dieses Sich-Entziehen einen Begriff gefunden, der genauer trifft als der der Bedeutung: Bedeutsamkeit. Bedeutsam ist, was nicht gleichgültig ist, was Gewicht hat und einen angeht, auch wenn sich nicht sagen lässt, was es bedeutet. Blumenberg sah sie aus Bezügen hervorgehen, aus Wiederkehr, aus Zusammentreffen, aus dem Anklingen von etwas an etwas anderes. Definieren lässt sie sich nicht. Kant hatte Verwandtes an der ästhetischen Idee bemerkt, einer Vorstellung, die viel zu denken gibt, ohne dass ein Begriff sie je ausschöpft.

Bedeutung bleibt deshalb nicht überflüssig. Sie ist der geteilte Sinn, den eine Praktik in einer Gesellschaft trägt: wofür Gastlichkeit steht, was Saisonalität verspricht, warum Menschen zusammen essen. Elizabeth Shove zählt solche Bedeutungen neben Materialien und Kompetenzen zu dem, woraus jede Praktik besteht, und Andreas Reckwitz verortet sie in einem praktischen Verstehen, das sich im Tun zeigt. Eine strategische Leitidee arbeitet mit Bedeutung, wenn sie klärt, welche Beziehungen ein Vorhaben stärken möchte. Bedeutsamkeit verlangt eine andere Arbeit: eine Dramaturgie, die Situationen so ordnet, dass etwas Gewicht gewinnen kann.

Die Gastronomie nennt, was sie anbietet, gern ein Erlebnis. Walter Benjamin hat, im Anschluss an Proust, das Erlebnis von der Erfahrung unterschieden. Das Erlebnis ist ein vereinzelter Eindruck, der wie ein Reiz empfangen und abgewehrt wird. Die Erfahrung lagert sich ab, verbindet sich mit Gedächtnis und Überlieferung und verändert, wie man künftig wahrnimmt. An Inszenierungen, die auf starke Reize setzen, erinnert man sich wie an ein Ereignis. Weitergetragen wird, was einen verändert hat.

John Dewey hat beschrieben, wodurch aus einem Erlebnis eine Erfahrung wird. Sie bildet eine Einheit mit durchgehender Qualität, entfaltet sich im Wechsel von Tun und Erleiden und rundet sich zu einem Abschluss. Wer nur empfängt, bleibt Zuschauer seines Abends. Ein Brot, das der Gast selbst anschneidet und an seine Nachbarin weiterreicht, verlangt eine kleine Handlung, und mit ihr beginnt etwas, das die Karte nicht leisten konnte.

Experience Design gestaltet deshalb nicht das Erleben selbst. Es gestaltet Räume, Dinge, Materialien, Abläufe und zeitliche Verläufe als Bedingungen, unter denen sich Beziehungen zwischen ihnen und den Menschen bilden und verändern. In ihrem Zusammenspiel entstehen Situationen und Atmosphären, die Menschen wahrnehmen, beantworten und sich aneignen können. Darin kann etwas für Menschen bedeutsam werden.

Das Brot auf dem Tisch ist kein bloßer Gegenstand. Wilhelm Schapp hat 1953 die These vertreten, dass Menschen nicht zuerst Subjekte sind, die hinterher Geschichten erzählen. Sie sind immer schon in Geschichten verstrickt, in eigene und fremde, ohne klaren Anfang und ohne abgeschlossenes Ende. Auch Dinge begegnen in solchen Geschichten. Schapp nennt sie Wozudinge, weil sie aus den Zusammenhängen auftauchen, in denen sie hergestellt, gebraucht, geteilt oder vermisst werden. Im Brot kreuzen sich die Geschichte des Feldes und des Jahres, in dem das Korn wuchs, die der Backstube, die des Tisches, an dem es liegt, und die des Gastes, der als Kind ein ähnliches Brot gegessen hat.

Hannah Arendt fand dieselbe Verstrickung im Handeln zwischen Menschen. Geschichten entstehen im Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten, und niemand ist Autor der eigenen, obwohl jeder in ihr handelt. Was eine Handlung bedeutete, zeigt sich im Rückblick. Bedeutsamkeit gehört keinem Einzelnen. Sie bildet sich zwischen Menschen, während sie handeln, und wird nachträglich sichtbar.

Ein Ding zeigt sich auch anders als im Gebrauch. Bevor das Brot den Tisch erreicht, hat sein Duft den Raum erreicht. Gernot Böhme nennt diese Weise, in der Dinge aus sich heraustreten, ihre Ekstasen: Eine Farbe färbt den Raum, ein Material glänzt, ein Klang füllt die Luft. Aus solchen Ekstasen bildet sich, was Böhme Atmosphäre nennt, etwas zwischen Menschen und Dingen, das sich räumlich ausbreitet und gespürt wird, bevor es einen Namen hat. Ihr Charakter, warm, gedrückt oder heiter, liegt quer zu den einzelnen Sinnen. Schapps Brot und Böhmes Brot sind dasselbe Ding in zwei Beziehungen, einmal in der Hand, einmal in der Luft.

Andreas Reckwitz verortet den Sinn einer Praktik in Körpern und Dingen. Was Gastlichkeit bedeutet, zeigt sich daran, wie jemand ein Brot bricht oder einen Teller reicht. Jede Praktik hat zudem eine affektive Struktur. Affekte bringt niemand fertig mit; sie entstehen zwischen Körpern und Dingen als Fähigkeit, zu berühren und berührt zu werden. Bernhard Waldenfels hat diese Vorgängigkeit Pathos genannt: Etwas trifft uns, bevor es Sinn hat, und wir antworten. Was Menschen trifft, ist kulturell geprägt, Reckwitz spricht von Affektkulturen, und so begegnet Gestaltung nie einem neutralen Körper. Sie kann Affekte auch gezielt erzeugen, wie es eine Ökonomie der Aufmerksamkeit täglich tut. Ein starker Affekt, auf den niemand antwortet, verfliegt als Erlebnis.

Geschmack und Geruch tragen Erinnerung weiter als die meisten anderen Sinne. Proust unterschied ein willentliches Erinnern, das Vergangenes absichtlich aufruft und doch nur blasse Bilder liefert, von einem unwillkürlichen, das sich nicht herbeirufen lässt. Sein Erzähler kostet an einem Wintertag ein in Tee getauchtes Stück Madeleine, ein banales Gebäck, und ein Glück ergreift ihn, dessen Herkunft er nicht kennt. Er versucht es zu fassen und scheitert, solange er es erzwingen will. Dann steigt die Erinnerung an die Sonntage bei der Tante auf, und mit ihr die ganze Stadt seiner Kindheit. Proust vergleicht dieses Aufsteigen mit einem japanischen Spiel, bei dem unscheinbare Papierstücke in Wasser getaucht werden und sich zu Blumen, Häusern und Figuren entfalten.

Privat bleibt solche Erinnerung selten. Benjamin sah in der Erfahrung Inhalte der eigenen Vergangenheit mit denen einer gemeinsamen zusammentreten, vor allem in Ritualen, Zeremonien und Festen, zu deren ältesten Formen das gemeinsame Mahl gehört. Maurice Halbwachs hat gezeigt, dass Menschen in sozialen Rahmen erinnern, in Familien, Generationen, Orten. Jan und Aleida Assmann unterscheiden ein kommunikatives Gedächtnis, das der Alltag über wenige Generationen weitergibt, von einem kulturellen, das sich in Festen und Texten festigt. Esskultur lebt in beiden, in den Handgriffen einer Familie und in den Festtagsspeisen einer Region. Wer Vertrautes anbietet, berührt beide Gedächtnisse, ohne bestimmen zu können, welche Erinnerung sich einstellt. Von Nostalgie trennt diese Erinnerung, dass sie das Vergangene nicht festhält. Ein vertrauter Geschmack weckt dann keine Sehnsucht, er öffnet einen neuen Blick auf Herkunft und Handwerk.

Die Geschichte des Brotes stand auf der Karte, und eben darum blieb sie aus. Das Narrative tritt in verschiedener Gestalt auf, und sie wirken gegeneinander. Menschen und Dinge stehen in Geschichten, während etwas geschieht, ohne dass jemand erzählt; das lässt sich Doing Narrative nennen. Gäste erzählen hinterher, in eigenen Worten und mit eigenen Bezügen, was sie erfahren haben, und diese Erzählung gehört ihnen. Ein Ort erzählt seinen Gästen eine Geschichte über sich, auf Karten, Tafeln, Websites oder am Tisch: Das ist Storytelling. Benjamin bemerkte, dass die Erzählung frei von Erklärung bleibt und die Deutung dem Hörenden überlässt, während sich die Information erschöpft, sobald sie mitgeteilt ist. Byung-Chul Han sieht im allgegenwärtigen Storytelling ein Storyselling, das nur die flüchtige Gemeinschaft von Konsumenten stiftet. Eine narrative Dramaturgie arbeitet mit der Verstrickung, damit Nacherzählung möglich wird. Was Menschen erfahren, prägt, was sie erzählen.

Albrecht Koschorke hat Erzählen als Kulturtechnik beschrieben, die weit über Literatur hinausreicht. Wer erzählt, überbrückt kein Wissensgefälle; er stiftet Zusammenhang. Mehrdeutigkeit schwächt Geschichten nicht, sie verlängert ihr Leben. Erzählungen arbeiten zudem mit Mustern, die ihre Hörer mitbringen, und ein Gast kennt den Ablauf eines Restaurantbesuchs, bevor er die Tür öffnet. Vor diesem Muster kann etwas hervortreten. Koschorke hält außerdem fest, dass nicht alles Sinn tragen muss; allzu große Konsequenz in der Sinnproduktion würde jede Verständigung überlasten. Das Beiläufige hält den Grund frei, auf dem Bedeutsames erscheinen kann.

Paul Ricœur hat beschrieben, wie Erzählungen Bedeutung bilden. Menschen verstehen Handlungen, bevor erzählt wird, weil sie in Praktiken leben. Die Erzählung fügt Verschiedenes, Zufälliges und Ungleichzeitiges zu einem Zusammenhang, und wirksam wird sie, wenn jemand sie sich aneignet und die eigene Welt anders versteht. Wolfgang Iser hat diese Aneignung genauer gefasst. Bedeutung entsteht, wo Lesende die Leerstellen eines Textes füllen. Auf einen Abend übertragen ordnet die Gestaltung den Verlauf, und die Verbindung vollzieht sich im Gast. Was offen bleibt, ist der Ort, an dem Aneignung geschieht.

Ricœurs Zusammenhang folgt allerdings der Fabel, wie Aristoteles sie beschrieben hat, mit Umschlag und Wendepunkt. Von der antiken Poetik bis zur Drehbuchlehre entwickeln Dramaturgien ihren Höhepunkt aus einem Konflikt, und Bedeutung erscheint als Ertrag seiner Überwindung. Ein gemeinsames Essen braucht keinen Gegner. Es gewinnt seine Bedeutsamkeit selten aus einem Sieg.

Kishōtenketsu ordnet einen Verlauf ohne Konflikt. Die vierteilige Form stammt aus der klassischen chinesischen Dichtung und hat in Japan ihren Namen und ihre heutige Gestalt gefunden; dort prägt sie Erzählungen, Essays, Manga und die Lehre des Schreibens. Ihre vier Schriftzeichen benennen ihre Teile. Ki (起) heißt beginnen, sich erheben: Eine Situation öffnet sich, Menschen, Räume und Dinge treten in eine wahrnehmbare Ordnung, ohne dass etwas zugespitzt wird. Shō (承) heißt aufnehmen, fortführen: Die Situation verweilt, kleine Unterschiede gewinnen Gewicht, Vertrautheit wächst. Ten (転) heißt sich drehen, wenden: Ein Element tritt hinzu, das außerhalb der bisherigen Ordnung steht, ein anderer Ort, eine andere Zeit, eine scheinbar fremde Beobachtung. Es kämpft gegen nichts, es tritt daneben. Ketsu (結) heißt verknüpfen, binden: Beide Ebenen verändern einander, und es entsteht eine Beziehung, die vorher nicht gegeben war und sich doch auf alles Vorangegangene stützt.

In Japan wird die Form oft an einem Vers erläutert, den man dem Gelehrten Rai San’yō zuschreibt. In Ōsaka, im Viertel Honmachi, leben die Töchter eines Garnhändlers. Die ältere ist sechzehn, die jüngere fünfzehn. Die Fürsten der Provinzen töten mit Pfeil und Bogen. Die Töchter des Garnhändlers töten mit den Augen. Die dritte Zeile springt von zwei jungen Frauen zu Kriegsherren, und für einen Augenblick scheint der Vers auseinanderzufallen. Die vierte fügt beide Bilder zusammen, und die Töchter stehen in einem anderen Licht. Niemand kämpft, nichts wird gelöst. Die Spannung gilt allein der Frage, wie das Getrennte zusammengehört.

Die vier Teile beschreiben weniger Stationen eines Ablaufs als Formen der Aufmerksamkeit, und jede setzt die vorige voraus. Eine Wendung wirkt nur vor einem Hintergrund, der nicht schon aufgeladen ist; das Verweilen der Vertiefung bereitet ihn. Ein Abend könnte drei Gänge einem einzigen Gemüse widmen, bis es vertraut ist. Dann käme Brot aus dem Getreide, das in der Fruchtfolge vor diesem Gemüse auf demselben Acker stand. Der letzte Gang, der beides verbindet, ließe lesen, dass der Abend einen Acker im Lauf der Jahre gezeigt hat.

Eine Wendung braucht keinen erzählerischen Inhalt. Bei Proust trägt sie ein Geschmack. Böhme hat beobachtet, dass die Elemente, die eine Atmosphäre erzeugen, einander vertreten können: Behaglichkeit entsteht aus einer Farbe, aus Holz, aus einem Klang, sogar aus Worten. Wechseln die Elemente und die Atmosphäre bleibt, vertieft sich eine Situation. Bleiben die Elemente und die Atmosphäre kippt, durch Licht, Klang oder Temperatur, wendet sie sich leise.

Die Anwendung auf Ess- und Gastkultur ist eine eigene Übertragung und keine Fortsetzung einer Tradition. Kishōtenketsu ordnet die Zeit, die Abfolge von Situationen. Was in einer Situation gleichzeitig zusammenwirkt, Licht, Material, Stimme und Geruch, erfasst die Form nicht. Dafür bleibt sie auf Böhmes Blick angewiesen.

In alldem stand die Gestaltung außerhalb, als ordnete sie von fern, was andere erfahren. Sie steht mitten darin. Tim Ingold hat das herrschende Bild des Herstellens kritisiert, in dem jemand einer passiven Materie eine vorher erdachte Form aufprägt, und es Hylomorphismus genannt. Wer knetet, flicht oder kocht, folgt den Materialien, ihrer Faser, ihrem Widerstand, ihrem Verhalten unter Hitze und Zeit. Ein Bäcker zwingt den Teig nicht. Er liest die Gare, die Wärme der Backstube, die Feuchte des Mehls, und antwortet darauf. Die Form des Brotes entsteht in diesem Antworten.

Ingold nennt es Korrespondenz. Gestalten gleicht einem Briefwechsel, dessen Verlauf keiner der Beteiligten im Voraus kennt. Es geschieht am Zeichentisch und ebenso in der Aufmerksamkeit eines Gastgebers, der eine Stimmung am Tisch bemerkt, oder in einer Küche, die dem folgt, was die Ernte dieses Jahres hergibt. Was auf der Seite der Gestaltung Korrespondenz heißt, heißt auf der Seite des Gastes Resonanz. Hartmut Rosa beschreibt sie als Beziehung, in der Menschen berührt werden, antworten und sich verwandeln, und er besteht auf ihrer Unverfügbarkeit: Wer sie erzwingen will, verhindert sie.

Ein Ding ist für Ingold eine Versammlung von Linien, die in ihm zusammenlaufen und wieder auseinandergehen. Im Brot treffen sich Boden, Korn, Wetter, Mühle, Teig und Hände, und Schapps Geschichten erhalten eine stoffliche Gestalt. Ingold unterscheidet außerdem zwei Weisen, sich zu bewegen. Beim Transport zählt nur, dass eine Strecke überwunden wird. Beim Wegfinden entsteht die Erfahrung im Gehen, im Wahrnehmen dessen, was den Weg säumt. Ein Abend lässt sich als Transport vom Aperitif zum Dessert planen oder als Weg, an dem etwas zu entdecken bleibt.

Lucius Burckhardt hat 1980 behauptet, Design sei unsichtbar. Gestaltet würden immer auch die Zusammenhänge zwischen den Gegenständen, Abläufe, Rollen, Zeiten, Gewohnheiten und Institutionen. Ein Teller wirkt im Gefüge von Empfang, Gespräch, Service und Abschied. Wer nur den Teller entwirft, entwirft das Wenigste.

Michel de Certeau hat beschrieben, was dieser Ordnung begegnet. Wer einen Ort einrichtet, verfügt über eine Strategie. Wer ihn benutzt, antwortet mit Taktiken: Er eignet sich die Ordnung an, deutet sie um, unterläuft sie und füllt sie mit eigenem Sinn. Ein Raum ist bei Certeau ein praktizierter Ort, und zum Raum machen ihn Gehen, Verweilen und Handeln. Gestaltung, die Bedeutsamkeit ermöglichen will, lässt den Taktiken ihrer Gäste Platz, statt sie vorwegzunehmen.

Im zweiten Band dieser Studien zum Alltag beschreibt Luce Giard das alltägliche Kochen als überlieferte Praxis: Handgriffe, die von Generation zu Generation wandern, ein Gedächtnis der Hände, der Nase und des Gaumens, kleine Erfindungen innerhalb fester Grenzen von Zeit, Geld und Vorrat. Pierre Mayol untersucht ein Stadtviertel und die ungeschriebenen Regeln, die dort das Zusammenleben tragen, etwa beim täglichen Einkauf beim Bäcker, wo man einander wiedererkennt. Das Brot, das jeden Morgen über dieselbe Theke gereicht wird, braucht keine Wendung. Es wird bedeutsam, weil es wiederkehrt und mit ihm die Menschen, die es kaufen. Neben die Dramaturgie des besonderen Abends tritt die Wiederholung des gewöhnlichen Tages.

Zwischen beiden liegt die Schwelle. Gastlichkeit beginnt an ihr, lange bevor jemand bedient wird: mit einer Tür, einem Blick, dem Licht eines Raumes, den Geräuschen anderer Menschen. Böhme beschreibt, dass eine Atmosphäre am deutlichsten wird, wenn man in sie eintritt, und am schärfsten, wenn sie der Stimmung widerspricht, die man mitbringt. Arnold van Gennep hat 1909 die Riten untersucht, mit denen Gesellschaften Übergänge gestalten, und in ihnen eine Ablösung, eine Schwellenphase und eine Wiedereingliederung gefunden. Die Aufnahme eines Fremden als Gast war in vielen Kulturen ein solcher Übergang, mit Gruß, Waschung, Speise und Abschied.

Victor Turner hat die Schwellenphase Liminalität genannt. In ihr treten Rollen und Rangunterschiede zurück, und es kann sich eine unmittelbare Gemeinschaft bilden, die er Communitas nennt: Fremde werden für einen Abend zur Tischgemeinschaft. Turner wusste zugleich, dass moderne Übergänge selten verbindlich sind, und nannte die frei gewählten Schwellenerfahrungen der Freizeit liminoid. Niemand muss ein Restaurant durchlaufen, und niemand verlässt es mit neuem Stand. Gestaltung kann einen Übergang anbieten, verordnen kann sie keinen. Wer Schwellen als Reibung behandelt und Platzieren, Bezahlen und Gehen beschleunigt, verschenkt die Orte, an denen Menschen sich zu einer Situation in Beziehung setzen. In der Teezeremonie, so wird überliefert, blickt der Gastgeber dem Gast nach, bis er nicht mehr zu sehen ist.

Wer Bedingungen für Bedeutsamkeit schafft, trägt Verantwortung für sie. Blumenberg hat am politischen Mythos gezeigt, wie gezielt inszenierte Bezüge Menschen vereinnahmen. Böhme beschreibt, wie neben Gebrauchs- und Tauschwert ein Inszenierungswert tritt und Waren ihrer Ausstrahlung wegen gekauft werden. Reckwitz beobachtet, wie Dinge, Orte und Erlebnisse durch ästhetische, ethische, narrative, gestalterische und spielerische Qualitäten aufgewertet werden, bis sie als einzigartig gelten. Ein kulinarischer Ort kann für seine Gäste bedeutsam werden und zugleich auf einem Markt an Wert gewinnen. Gastfreundschaft war immer beides, Ökonomie und mehr als Ökonomie. Redlich bleibt eine Gestaltung, die diese Doppelheit kennt und sie nicht verschweigt.

Die Ästhetik beschreibt, wie etwas bedeutsam wird, bevor ein Begriff es fasst. Die Ethik fragt, wozu und um welchen Preis. Charles Taylor spricht von starken Wertungen: Gewicht hat, was im Licht dessen erscheint, was Menschen für gut halten. Hans Joas hat gezeigt, dass Werte aus Erfahrungen hervorgehen, in denen Menschen ergriffen werden und über sich hinausgehen. Aus Bedeutsamkeit wächst mit der Zeit Bedeutung, und die Werte, mit denen eine strategische Leitidee arbeitet, haben ihren Ursprung in solchen Erfahrungen. Die Leerstelle, die eine Dramaturgie lässt, ist so auch eine ethische Haltung. Sie lässt dem Gast die Freiheit zu antworten. Emmanuel Levinas und Jacques Derrida haben Gastlichkeit als Beziehung zu einem Anderen gedacht, den man empfängt, ohne ihn zu kennen und ohne über ihn zu verfügen.

Was sich durch alle diese Beobachtungen zieht, ist der Ort, an dem Bedeutsamkeit entsteht: das Dazwischen. Zwischen dem Brot und der Hand, die es bricht. Zwischen dem Duft und dem Raum, den er füllt. Zwischen einer Kindheit und einem Wintertag. Zwischen zwei Zeilen eines Verses, die nichts miteinander zu tun haben, bis eine vierte sie verbindet. Zwischen draußen und drinnen, zwischen einem Abend und dem Morgen danach, zwischen dem Gastgeber, der ordnet, und dem Gast, der sich den Ort zu eigen macht. Die japanische Ästhetik hat für diesen Zwischenraum ein Wort, Ma (間), und ein zweites für das, was bleibt, wenn etwas vorbei ist: Yoin (余韻), den Nachklang, den man auch einem Geschmack zuschreibt.

Kulturelle Praktiken ändern sich selten durch Appelle. Sie ändern sich, wenn Menschen Erfahrungen machen, die ihren Blick verschieben und andere Gewohnheiten nahelegen. Kulinarische Orte eröffnen auf diese Weise Zukünfte der Ess- und Gastkultur, Möglichkeiten, wie Menschen Landwirtschaft verstehen, Gastfreundschaft leben und Lebensmittel achten. Solche Zukünfte entstehen in dem, was nachklingt, weitererzählt und in den eigenen Alltag übernommen wird.

Am Ende liegt dasselbe Brot auf dem Tisch wie am Anfang, und kein Satz auf der Karte hat sich geändert. Anders geworden ist der Raum zwischen dem Brot und denen, die es teilen. An ihm arbeitet Gestaltung, und was in ihm geschieht, gehört den Gästen.

Anhang: Prinzipien für die Gestaltung von Bedingungen

Die Prinzipien verdichten den Essay für die Arbeit an einem Vorhaben. Sie beschreiben eine Haltung im Entwurf. Ihre gemeinsame Frage gilt nicht der Geschichte, die ein Ort erzählt, sondern den Geschichten, in die Gäste eintreten und die sie weiterführen können.

  1. Anlegen statt herstellen. Gestaltung schafft Möglichkeiten für Bedeutsamkeit. Sie fragt, was Gästen offensteht, nicht, was sie empfinden sollen.
  2. Von den Geschichten ausgehen, die schon da sind. Ein Gebäude, ein Getreide, ein Teller, ein Handwerk tragen ihre Geschichten mit. Gestaltung macht sie zugänglich, statt neue zu erfinden.
  3. Dinge in Gebrauch bringen. Ein Brot, das am Tisch angeschnitten und weitergereicht wird, tritt in die Geschichte der Gäste ein. Ein Brot, über das eine Tafel informiert, bleibt Gegenstand.
  4. Anknüpfungspunkte anbieten. Vertrautes lädt eigene Erinnerungen ein, ohne festzulegen, welche es sind.
  5. Geschichten sich kreuzen lassen. Am gemeinsamen Tisch, beim gemeinsamen Servieren, in einer Begegnung mit Produzenten berühren sich Geschichten, die getrennt geblieben wären.
  6. Teilnahme ermöglichen. Teilen, Weiterreichen, Zubereiten und Mitwirken machen Gäste zu Beteiligten.
  7. Vertrautheit vor die Wendung stellen. Nicht jeder Moment muss Bedeutung tragen. Vor dem Gewohnten tritt hervor, was neu hinzukommt.
  8. Nebeneinanderstellen statt erklären. Ein Gericht, das am Tisch vollständig erklärt wird, ist Information. Ein Element, das neben ein anderes tritt, öffnet eine Beziehung, die niemand aussprechen muss.
  9. Leise wenden. Geschmack, Licht, Klang oder Temperatur können eine Situation wenden, ohne sie zu unterbrechen.
  10. Die Zusammenschau dem Gast überlassen. Die Abfolge lässt sich ordnen, die Verbindung vollzieht sich im Gast.
  11. Den Taktiken der Gäste Platz lassen. Ein Ort wird zum Raum durch das, was Menschen aus ihm machen. Was anders verläuft als geplant, gehört zu seiner Lebendigkeit.
  12. Schwellen und Nachklang gestalten. Ankommen und Verlassen sind Übergänge, keine Reibung. Wie eine Situation endet, entscheidet mit darüber, was Menschen weitertragen.

Zu meiden sind Herkunftstafeln, Speisekarten in Erzählprosa, das Erklären jedes Gangs, inszenierte Gründungsgeschichten und starke Reize als Ersatz für Beziehung. Sie erzählen eine Geschichte, statt eine zu ermöglichen.

Anhang: Prüffragen

Bedeutsamkeit lässt sich weder definieren noch messen; wer sie misst, misst meist Zufriedenheit. Die Fragen dienen der Reflexion, nicht der Bewertung.

Im Entwurf

  • Woran knüpft die Situation an, was Gäste, Dinge und Ort bereits mitbringen?
  • Welche Dinge sind in Gebrauch, welche werden nur gezeigt oder erklärt?
  • Wo entsteht Vertrautheit, bevor etwas Neues hinzutritt?
  • Welche Elemente verweisen aufeinander, kehren wieder oder treffen zusammen?
  • Was bleibt bewusst offen?
  • Wo handeln Gäste selbst, und wo kreuzen sich ihre Geschichten mit denen anderer?
  • Welche Momente dürfen beiläufig bleiben?
  • Wie wird aus einem Ankommenden ein Gast, und wie löst er sich wieder?

Im Nachhinein

Hartmut Rosas Merkmale der Resonanz geben, ergänzt um das Weitertragen, eine Orientierung.

  • Berührung: Hat etwas Menschen erreicht, bevor sie es einordnen konnten, sichtbar etwa in Stille oder Verweilen?
  • Antwort: Haben Menschen reagiert, gefragt, sich zugewandt oder selbst etwas beigetragen?
  • Anverwandlung: Hat sich ihr Blick auf ein Lebensmittel, einen Ort, ein Handwerk verändert?
  • Unverfügbarkeit: Ist etwas geschehen, das so nicht geplant war?
  • Weitertragen: Was erzählen Menschen danach, in welchen Worten? Kommen sie wieder, übernehmen sie etwas in ihren Alltag?

Solche Spuren zeigen sich in Beobachtung und Gespräch. Ein Gespräch einige Tage nach einem Abend sagt mehr als eine Bewertung beim Verlassen, weil Bedeutsamkeit oft mit Abstand hervortritt.

Literatur

  • Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben (1960)
  • Aleida Assmann: Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses (1999)
  • Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis (1992)
  • Walter Benjamin: Der Erzähler (1936)
  • Walter Benjamin: Über einige Motive bei Baudelaire (1939)
  • Hans Blumenberg: Arbeit am Mythos (1979), Kapitel „Bedeutsamkeit“
  • Gernot Böhme: Atmosphäre. Essays zur neuen Ästhetik (1995, erweitert 2013)
  • Gernot Böhme: Ästhetischer Kapitalismus (2016)
  • Lucius Burckhardt: Design ist unsichtbar (Vortrag 1980; Sammelband 2012)
  • Michel de Certeau: Kunst des Handelns (1980, deutsch 1988)
  • Michel de Certeau, Luce Giard, Pierre Mayol: L’invention du quotidien, Band 2: Habiter, cuisiner (1994; englisch: The Practice of Everyday Life, Vol. 2: Living and Cooking, 1998)
  • Jacques Derrida: Von der Gastfreundschaft (1997, deutsch 2001)
  • John Dewey: Kunst als Erfahrung (1934, deutsch 1980)
  • Arnold van Gennep: Übergangsriten (1909, deutsch 1986)
  • Maurice Halbwachs: Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen (1925, deutsch 1985)
  • Maurice Halbwachs: Das kollektive Gedächtnis (1950, deutsch 1967)
  • Byung-Chul Han: Die Krise der Narration (2023)
  • Tim Ingold: Lines. A Brief History (2007)
  • Tim Ingold: Making. Anthropology, Archaeology, Art and Architecture (2013)
  • Tim Ingold: Correspondences (2020)
  • Wolfgang Iser: Der Akt des Lesens. Theorie ästhetischer Wirkung (1976)
  • Hans Joas: Die Entstehung der Werte (1997)
  • Immanuel Kant: Kritik der Urteilskraft (1790), § 49
  • Albrecht Koschorke: Wahrheit und Erfindung. Grundzüge einer Allgemeinen Erzähltheorie (2012)
  • Emmanuel Levinas: Totalität und Unendlichkeit (1961, deutsch 1987)
  • Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 1: Unterwegs zu Swann (1913)
  • Andreas Reckwitz: Grundelemente einer Theorie sozialer Praktiken, in: Zeitschrift für Soziologie (2003)
  • Andreas Reckwitz: Praktiken und ihre Affekte, in: Kreativität und soziale Praxis (2016)
  • Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten (2017)
  • Paul Ricœur: Zeit und Erzählung (1983–1985, deutsch 1988–1991)
  • Hartmut Rosa: Resonanz (2016)
  • Hartmut Rosa: Unverfügbarkeit (2018)
  • Wilhelm Schapp: In Geschichten verstrickt. Zum Sein von Mensch und Ding (1953)
  • Elizabeth Shove, Mika Pantzar, Matt Watson: The Dynamics of Social Practice (2012)
  • Charles Taylor: Quellen des Selbst (1989, deutsch 1994)
  • Victor Turner: Das Ritual. Struktur und Anti-Struktur (1969, deutsch 1989)
  • Victor Turner: Vom Ritual zum Theater (1982, deutsch 1989)
  • Bernhard Waldenfels: Bruchlinien der Erfahrung (2002)