Vom Wort „vegan“ und warum Sprache Geschmack macht

„Vegan“ ist ein merkwürdiges Wort geworden.

Es begegnet uns auf Verpackungen, Speisekarten und in Diskussionen über Ernährung. Es dient als Orientierung, als Kategorie und manchmal auch als Bekenntnis. Gleichzeitig sagt es erstaunlich wenig über das aus, was wir tatsächlich erleben, wenn wir essen. Es beschreibt vor allem, was nicht enthalten ist. Was fehlt. Doch über Qualität, Herkunft, Handwerk oder Sinnlichkeit verrät es nahezu nichts.

Unter diesem einen Begriff kann vieles zusammenkommen. Ein industriell hochverarbeitetes Produkt voller Zusatzstoffe ebenso wie ein sorgfältig angebautes Gemüse aus regenerativer Landwirtschaft. Ein funktionaler Ersatzriegel genauso wie ein komplexes Gericht, das nach Erde, Sonne, Fermentation und Jahreszeit schmeckt. Das Wort „vegan“ unterscheidet nicht zwischen diesen Welten. Es beschreibt eine Abwesenheit, aber kaum eine Erfahrung.

Gerade darin liegt eine spannende Frage für Gestaltung, Kommunikation und Produktentwicklung. Welche Sprache brauchen wir, damit Menschen anders wahrnehmen? Welche Worte helfen uns dabei, Herkunft, Beziehungen und Qualitäten sichtbar zu machen? Und welche Begriffe öffnen einen Raum für Neugier, statt ihn durch Kategorien sofort wieder zu schließen?

Ein faszinierendes Beispiel dafür ist der Begriff der „emanzipierten Gemüseküche“, den der Zwei-Sterne-Koch Sebastian Frank geprägt hat. Darin steckt mehr als eine kulinarische Positionierung. Es ist eine andere Art, über Lebensmittel nachzudenken. Gemüse erscheint hier nicht als Ersatz für etwas anderes. Es muss sich nicht rechtfertigen und keine Rolle übernehmen, die ursprünglich einem anderen Produkt zugedacht war. Es tritt als eigenständige Hauptfigur auf – komplex, vielschichtig und voller Ausdruckskraft.

Mit dieser Verschiebung verändert sich auch das Narrativ. Die Geschichte handelt nicht mehr von Verzicht oder Einschränkung. Sie handelt von Böden, Jahreszeiten, Landschaften, Handwerk und Transformation. Sie erzählt von Beziehungen statt von Ausschlüssen. Von Fülle statt von Mangel. Was sichtbar wird, ist nicht das Weggelassene, sondern das Vorhandene.

Man schmeckt plötzlich nicht nur ein Produkt. Man schmeckt eine Landschaft. Eine Saison. Eine bestimmte Form des Umgangs mit Lebensmitteln. Die Beziehung zwischen Mensch, Material und Umgebung wird erfahrbar. Essen wird nicht zur moralischen Entscheidung, sondern zu einer sinnlichen Begegnung.

Diese Denkweise reicht weit über die Gastronomie hinaus. Sie berührt Produktentwicklung, Verpackungsgestaltung, Kommunikation und Vermarktung. Die Frage lautet dann nicht mehr, wie wir einen Verzicht möglichst attraktiv darstellen können. Die Frage lautet vielmehr, wie wir Verbindungen sichtbar machen. Nicht „ohne Tier“, sondern „aus diesem Boden“. Nicht „frei von“, sondern „gewachsen durch“. Nicht der Konflikt steht im Mittelpunkt, sondern die Beziehung.

Genau deshalb arbeite ich gern mit Kishōtenketsu als Erzählstruktur. Anders als viele westliche Narrative benötigt diese Form keinen Gegner, keinen Konflikt und keinen dramatischen Bruch. Sie entfaltet Bedeutung schrittweise. Durch Beobachtung, Entwicklung, Verwandlung und Erkenntnis. Die Aufmerksamkeit wird nicht auf einen Kampf gelenkt, sondern auf Zusammenhänge, die nach und nach sichtbar werden.

Man könnte sich fragen, wie unsere Alltagsprodukte wirken würden, wenn sie auf diese Weise erzählt würden. Wenn sie von Samen, Böden und Jahreszeiten berichteten. Von handwerklichen Entscheidungen. Von Atmosphären und Erinnerungen. Von den Wegen, die Lebensmittel zurücklegen, bevor sie auf unserem Teller landen. Vielleicht würden wir dann anders über Ernährung sprechen. Vielleicht würden wir andere Fragen stellen.

Und vielleicht bräuchten wir das Wort „vegan“ irgendwann gar nicht mehr so dringend, weil wir längst über etwas Größeres sprechen: über eine sinnliche Kultur des Lebendigen, in der Lebensmittel nicht über Verzicht definiert werden, sondern über die Beziehungen, aus denen sie hervorgehen.

Sprache ist dabei weit mehr als ein Werkzeug der Beschreibung. Sie ist eine Form der Gestaltung. Sie lenkt Aufmerksamkeit, öffnet Perspektiven und prägt Wahrnehmung. Sprache gleicht weniger einem Rezept als einer Komposition.

Und in einer guten Komposition beginnt sich die Welt anders zu zeigen.