Die Zukunft der Gastronomie?

Die Zukunft der Gastronomie? Ich interessiere mich mehr für ihre Zukünfte.

Wer in der Gastronomie arbeitet, begegnet ständig Zukunftsbildern: KI, Robotik, personalisierte Ernährung, neue Proteinquellen oder automatisierte Küchen. Die Branche scheint permanent auf der Suche nach dem nächsten großen Trend zu sein.

Doch je länger ich mich mit Zukunft und Experience Design beschäftige, desto weniger interessiert mich die Frage nach der Zukunft der Gastronomie. Mich interessieren ihre Zukünfte.

Der Unterschied mag klein erscheinen, ist aber grundlegend.

Der Soziologe Niklas Luhmann beschrieb Zukunft nicht als etwas, das bereits feststeht und auf uns wartet. Zukunft existiert zunächst als Vorstellung in der Gegenwart – als Erwartung, Hoffnung, Sorge oder Möglichkeit. Er sprach von der „gegenwärtigen Zukunft“.

Wenn wir über die Zukunft der Gastronomie sprechen, sprechen wir also immer über Bilder, die wir heute erzeugen.

Genau deshalb erscheint mir die Suche nach einer einzigen Zukunft problematisch. Sie suggeriert Gewissheit in einer Welt voller Unsicherheit. Sie verengt den Blick auf Prognosen, statt Möglichkeiten zu eröffnen.

In meiner Arbeit als Experience Designer erlebe ich Zukunft selten als plötzlichen Umbruch. Sie zeigt sich häufiger in veränderten Praktiken. Menschen essen anders. Sie treffen sich anders. Sie arbeiten anders. Sie suchen andere Formen von Gemeinschaft, Gesundheit oder Zugehörigkeit.

Die entscheidenden Veränderungen beginnen oft nicht bei Technologien, sondern bei Beziehungen und Erfahrungen.

Deshalb verstehe ich Gastronomie nicht primär als Branche. Ich verstehe sie als Resonanzraum.

Ein Restaurant ist mehr als ein Ort, an dem Nahrung konsumiert wird. Hier begegnen sich Menschen, Materialien, Geschichten, Atmosphären und Rituale. Hier werden gesellschaftliche Veränderungen sinnlich erfahrbar.

Experience Design gestaltet keine Zukunft. Es gestaltet Bedingungen, unter denen unterschiedliche Zukünfte denkbar und erfahrbar werden.

Ein Szenario ist keine Vorhersage, sondern ein Denkraum. Ein Prototyp ist keine Antwort, sondern eine Frage. Eine Erfahrung ist ein Medium, um Möglichkeiten zu erkunden.

Deshalb erscheint mir die Arbeit mit Zukünften produktiver als die Suche nach Prognosen. Wer die Zukunft vorhersagen will, sucht Sicherheit. Wer mit Zukünften arbeitet, erweitert seinen Handlungsspielraum.

Die entscheidende Kompetenz der Gastronomie besteht nicht darin, die richtige Zukunft zu kennen.

Sie besteht darin, unterschiedliche Zukünfte gleichzeitig denken zu können.

Die Zukunft der Gastronomie liegt für mich deshalb nicht in einer Vision.

Sie liegt in der Fähigkeit, unterschiedliche Zukünfte wahrzunehmen, erfahrbar zu machen und daraus neue Möglichkeiten des Handelns entstehen zu lassen.

Nicht die Zukunft vorherzusagen.

Sondern Resonanzräume für mögliche Zukünfte zu gestalten.